Die systematische Indienstnahme technischen Wissens gehörte im 18. Jahrhundert zum Kern staatlicher Wirtschaftslenkung. Die Forschung hat die Rolle dieses Wissens für frühneuzeitliche Staatswirtschaft und Reformprogramme differenziert herausgearbeitet. Weitgehend ungeklärt blieb jedoch, wie technisches Wissen mobilisiert und administrativ verarbeitet wurde, bevor es in konkrete Förder- oder Ablehnungsentscheidungen eingehen konnte.

Genau hier setzt das Projekt an. Am Beispiel Preußens fokussiert es die operative Ebene frühneuzeitlicher Wirtschaftslenkung: jene Prozesse also, in denen technisches Wissen beschafft, bewertet und in wirtschaftspolitische Entscheidungen übersetzt wurde. Im Mittelpunkt steht dabei die „Black Box“ der Gewerbeförderung: der Entscheidungsraum, der den sichtbaren Maßnahmen staatlicher Wirtschaftspolitik – Edikten, Privilegien oder Manufakturgründungen – vorausging.

Verfolgt wird die These, dass in diesem Raum unterschiedliche Wissensformen aufeinandertrafen: das praktische Erfahrungswissen von Handwerkern und Unternehmern, gelehrte ökonomische Konzepte, fiskalische Kalkulationen und politische Erwartungen der Regierung. Die preußische Verwaltung war dabei nicht bloß eine Durchgangsstelle von Informationen, sondern selbst ein institutioneller Ort der Wissensproduktion. Hier wurde technisches Wissen gesammelt, geprüft und in entscheidungsrelevante Formate überführt. An dieser Schnittstelle von Wirtschafts-, Wissens- und Technikgeschichte werden die administrativen Verfahren sichtbar, in denen Wissen handlungsrelevant gemacht wurde – oder seine Verbindlichkeit verlor. Das Projekt fragt danach, wie frühneuzeitliche Staaten technisches Wissen für die Steuerung wirtschaftlicher Prozesse nutzbar machten und unter welchen Bedingungen bereits dieser Prozess der Wissensverarbeitung zum entscheidenden Faktor für Erfolg oder Scheitern wirtschaftspolitischer Maßnahmen werden konnte.

Im Auftrag der Frankfurter Historischen Kommission gibt Matthias Schnettger gemeinsam mit Julia Schmidt-Funke (Leipzig) einen umfangreichen Band zur Geschichte der Reichsstadt Frankfurt in der Frühen Neuzeit heraus. Der Band, an dem neben der Herausgeberin und dem Herausgeber zahlreiche weitere Autorinnen und Autoren beteiligt sind, führt die Erträge wichtiger Frankfurt-bezogener Studien der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zusammen und macht aktuelle stadtgeschichtliche Forschungsansätze für Frankfurt fruchtbar. Neben mehr ereignisgeschichtliche Abschnitte etwa zur Reformation in Frankfurt, zum Fettmilchaufstand, zum Verfassungsstreit des 18. Jahrhunderts oder zum Ende der Reichsstadt treten systematische Kapitel, die der reichsstädtischen Verfassung, der Gesellschaft und der Wirtschaft, den verschiedenen christlichen Konfessionen und der Frankfurter Judenschaft sowie der Bildung, der Wissenschaft und den Künsten gewidmet sind. Dabei wird die Frankfurter Geschichte nicht isoliert betrachtet, sondern umfassend kontextualisiert. Hier kommt der Stellung der Wahl- und Krönungsstadt Frankfurt im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation eine besondere Bedeutung zu. Da eine vergleichbare Synthese zur frühneuzeitlichen Geschichte Frankfurts bislang fehlt, wird der Band ein dringendes Forschungsdesiderat erfüllen.

In den letzten Jahren haben sich die Musikwissenschaft und Geschichtswissenschaft, insbesondere im Themenfeld Musik und Politik, aufeinander zubewegt. Dennoch bestehen in der Frühneuzeitforschung unterschiedliche Auffassungen über die Relevanz von Musik für die Konstituierung von Herrschaft. Als Kommunikationsmittel und Faktor politischer Entscheidungsprozesse wird Musik in der frühneuzeitlichen Historiographie kaum beachtet. Diese Wahrnehmung über eine Vernetzung und Auswertung historischer und musikwissenschaftlicher Quellenkorpora und Literaturbestände zu überprüfen, bildet den Impetus des vorliegenden Projekts.

Ziel des Projekts ist es, Musik als Mittel politischer Kommunikation in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts für die drei Monarchien Spaniens, Englands und Frankreichs sichtbar zu machen. In diesen drei Monarchien wurde die politische Wirksamkeit von Musik in diesem Zeitraum als außerordentlich hoch eingeschätzt. Doch im Gegensatz zur bildenden Kunst oder dem Theater ist Musik als politische Sprache für die Höfe Spaniens, Englands und Frankreichs noch nicht im Rahmen politischer Entscheidungsprozesse analysiert worden. Das Projekt wird das reiche, geschichtswissenschaftlich weitgehend unerschlossene Quellenkorpus der von Herrschern und Hochadel komponierten, konsumierten oder in Auftrag gegebenen Musik im Kosmos höfischer Politikfindung verorten. Im Ergebnis steht eine Kommunikationsgeschichte höfischer Politik im vielschichtigen Medium der Musik.

Kooperationspartner*innenProf. Dr. Matthias Schnettger (JGU Mainz), Prof. Dr. Klaus Pietschmann (JGU Mainz), Prof. Dr. Peter Bennett (CWRU Cleveland, Ohio), Prof. Dr. Bernardo J. Garcia Garcia (UC Madrid), Prof. Dr. Helen Watanabe-O’Kelly (U Oxford)

Pfälzischer Erbfolgekrieg – Orleansscher Krieg – Guerre de Ligue d’Augsbourg – Krieg der Großen Allianz – King William’s War: kaum ein anderer militärischer Konflikt der Frühen Neuzeit trägt so viele Namen wie jener Neunjährige Krieg, der zwischen 1688 und 1697 am Rhein, in den Niederlanden, in Nordspanien, auf den Meeren und in den Kolonien der europäischen Mächte ausgefochten wurde. Schon das ist ein Hinweis auf die Vielschichtigkeit dieses Krieges, der zudem in engen Wechselwirkungen mit anderen Konflikten stand, wie der Glorreichen Revolution auf den Britischen Inseln (1688/89) und dem sogenannten Großen Türkenkrieg (1683-1699). Geplant ist eine Monographie, die einen gut lesbaren Überblick über Akteurinnen und Akteure, Konfliktfelder und Ereignisse liefert. Zugleich soll sie einem größeren Publikum einen Zugang zu aktuellen Konzepten und Fragestellungen der Frühneuzeitforschung vermitteln, wie der akteurszentrierten Darstellung, der symbolischen Kommunikation, dem Aushandeln von Herrschaft, Patronage und Protektion. Nicht zuletzt wird die Darstellung auch auf zeitgenössische Medialisierungen von Herrschaftsansprüchen und Konflikten eingehen, deren Folgen bis in die nationalen Erinnerungskulturen der Moderne nachzuvollziehen sind.

Die Universität Mainz ist eine zugleich alte und junge Universität. 1477 wurde sie durch Kurfürst Diether von Isenburg gegründet und steht damit in einer ganzen Reihe fürstlicher Universitätsgründungen in den Jahrzehnten um 1500. Im Zuge der Ausdifferenzierung der deutschen und europäischen Universitätslandschaft entlang der sich verfestigenden konfessionellen Grenzen entwickelte sich Mainz zu einer dezidiert katholischen Hochschule, eine Tendenz, die 1561 durch die Berufung der Jesuiten nach Mainz forciert wurde. Nach einer langen Phase relativer Stagnation im 17. und frühen 18. Jahrhundert drang der immer lauter werdende Ruf nach grundlegenden Reformen schließlich durch. Die Schaffung des Universitätsfonds, die Verabschiedung einer neuen Universitätsverfassung, die Erweiterung des Fächerkanons und die Berufung namhafter – auch protestantischer – Gelehrter ermöglichten in den 1780er Jahren eine veritable „Restauration“ der Universität. Doch schon knapp zehn Jahre später sah sich die Hochschule mit einer fundamentalen Krise konfrontiert, die ihre schiere Existenz in Frage stellte. Infolge der Französischen Revolution vollzogen in der Zeit der Mainzer Republik (1792/93) führende Universitätsangehörige den Bruch mit dem Kurfürsten. Nach dem Übergang von Mainz unter französische Herrschaft 1798 wurde die Universität Mainz aufgehoben, während der Lehrbetrieb von den nach Aschaffenburg ausgewichenen Professoren zunächst noch aufrechterhalten wurde. Auch wenn der Universitätsfonds, das Priesterseminar und die Hebammenlehranstalt, das Accouchement, als Institutionen der alten Universität fortexistierten, hörte die Universität als solche faktisch auf zu bestehen. Von daher stellte die Gründung der Johannes Gutenberg-Universität auf französische Initiative im Jahr 1946 einen Neuanfang dar. Bis ins Jahr 2025 hat sich die JGU zur größten Universität des Landes Rheinland-Pfalz entwickelt. Gemeinsam mit anderen Autorinnen und Autoren bereitet Matthias Schnettger eine „kurze Universitätsgeschichte“ vor, die eine wissenschaftlich fundierte, aber auch einem fachfremden Publikum zugängliche Darstellung bieten soll.

Das Projekt leistet Grundlagenforschung zur politischen Konfiguration Reichsitaliens in der Frühen Neuzeit und nutzt hierfür punktbasierte interaktive Webvisualisierungen als methodisch innovatives Analyse- und Darstellungswerkzeug. Hierbei sollen nicht die Rechtsnormen, sondern die Herrschaftspraktiken zeitlich und geographisch breit erfasst und visualisiert werden, um zeitlich und geographisch differenzierte Herrschafts-, Einfluss- und Handlungsräume zu erkennen. Das Projekt zielt darauf ab, eine digitale Visualisierung der Herrschaftspraktiken zu entwickeln, die für das frühneuzeitliche Reichsitalien auf Grundlage der Archivbestände des Reichshofrats in Wien und der Plenipotenz in Mailand erfassbar sind. Der breite Zuschnitt des Projekts bei gleichzeitiger Fokussierung auf wenige, aussagekräftige Herrschaftspraktiken und klar definierte Quellenbestände garantiert die Durchführbarkeit bei gleichzeitiger fachlicher Relevanz. Damit wird das angestrebte Projekt nicht nur einen Beitrag zur Erforschung Reichsitaliens und letztlich der Verfasstheit des ganzen Reiches leisten, sondern auch in methodischer Hinsicht Neuland beschreiten, indem Herrschaftsräume als multipolares Beziehungsgeflecht, ausgehend von ortsgebundenen Rechten, Ansprüchen und Zugehörigkeiten, greifbar werden. Zudem wird die kartographische Visualisierung innovativ als heuristischer Ansatz, analytisches Instrument und eigenständiges methodisches Werkzeug zur Generierung von Erkenntnissen genutzt. Aufgrund der Fluidität der Zuschreibungen von Zugehörigkeit zum Reich bietet sich Reichsitalien in besonderer Weise für die Entwicklung von Karten an, die Raum als soziale Konstruktion begreifen. Denn das Reich folgte vorwiegend den Logiken eines Personenverbands, die niemals ganz von einer rein flächenmäßigen Vorstellung von Herrschaft ersetzt wurden. Diese Einsicht soll nun erstmals im Zentrum eines Forschungs- und Visualisierungsprojekts stehen. Auf inhaltlicher Ebene kann damit das Projekt einen Beitrag zur historisch-kritischen Raumreflexion im deutsch-italienischen Diskurs leisten, der jedoch auch darüber hinaus bedeutend ist: Letztlich bietet das Projekt einen neuen Ansatz zur Erforschung und Darstellung vormoderner Herrschaft über das Alte Reich hinaus. Der innovative Charakter des Projekts ergibt sich dabei aus der Kombination seiner inhaltlichen und methodischen Ausrichtung: Inhaltlich wird Grundlagenforschung zur politischen Konfiguration Reichsitaliens in der Frühen Neuzeit bereitgestellt. Methodisch werden die Möglichkeiten der interaktiven Webkartographie zur Exploration des Raumes als soziale und rechtliche Konstruktion weiterentwickelt. Die enge Verzahnung von Inhalt und Methodik verspricht substantielle Erkenntnisgewinne und das Potential, kartographische Visualisierungen auf Grundlage digitaler Methodik als heuristische Methode beispielhaft in die historische Forschung einzuführen.

Das Forschungskolloquium des Arbeitsbereichs Neuere Geschichte findet einmal pro Semester in Form eines eintägigen Workshops statt. Hier werden am Arbeitsbereich entstehende Forschungsarbeiten vorgestellt, aber auch auswärtige Referentinnen und Referenten erhalten die Gelegenheit, ihre Projekte zu präsentieren. Bitte wenden Sie sich bei Interesse an Sven Dittmar oder Matthias Schnettger.

Der Termin für das nächste Kolloquium ist der 30. Januar 2026.

Die nach ihren Hauptakteuren benannten „Kulp‘-Kann’schen Wirren“ in Frankfurt begannen 1749 als innerjüdischer Konflikt um die empfundene Vorherrschaft einer der Gemeindevorsteher. Trotz der internen Bemühungen der Gemeinde, den Konflikt zu lösen, eskalierte die Situation und es kam zu handfesten Konfrontationen. Infolgedessen wurde neben der Reichsstadt auch der Kaiser als zuständige Obrigkeit der Gemeinde für mehr als zwanzig Jahre in die Auseinandersetzung einbezogen. Im langjährigen Ringen um innerjüdische und obrigkeitliche Kompetenzen zerfiel die Gemeinde in verschiedene Fraktionen, die sich auf unterschiedliche Weisen um Intervention und Beilegung des Konflikts bemühten. Das Dissertationsprojekt nimmt die verschiedenen Personen und Ebenen der Auseinandersetzung in den Blick: Dabei sollen personelle, intergruppale sowie institutionelle Interdependenzen und Spannungen der beteiligten Akteur*innen sichtbar gemacht und auf ihren Einfluss im Konfliktverlauf hin analysiert werden. Mit dieser Zielsetzung schließt sich die Arbeit dem aktuellen Forschungskanon zu Autonomie und Zusammenspiel von jüdischen Gemeinden und ihren Obrigkeiten an und liefert als Fallstudie weitere Details zur jüdischen Geschichte Frankfurts im 18. Jahrhundert.

Betreuung: Prof. Dr. Matthias Schnettger

Zwar wird die Zeit zwischen dem Augsburger Religionsfrieden bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges gemeinhin als Konfessionelles Zeitalter bezeichnet, inwieweit aber das Konfessionelle die menschliche Erfahrung, Deutung und Darstellung ihrer (Um-)Welt beeinflusste, ist bisher kaum betrachtet worden.

Mit dem Thesaurus Picturarum liegt eine Quelle vor, der es vor allem um Weltbetrachtung und –deutung geht. Der reformierte kurpfälzische Kirchenrat Marcus zum Lamm verfasste dieses Werk zwischen etwa 1564 bis 1606 in Form von zahlreichen umfangreichen Bänden zu Themen wie Trachten, Vögeln, prognostischen Himmelzeichen und Wetterbeobachtung, aber auch zeitgenössischen (religions-)politischen Ereignissen. Schilderungen von kriegerischen Auseinandersetzungen, christlicher Obrigkeit und der Situation reformierter Gruppen Europas sollen daraufhin untersucht werden, inwiefern sie durch konfessionelles Denken beeinflusst sind. Dazu wird Konfession als instabile kulturelle Praxis begriffen werden, die in schriftlichen Zeugnissen performiert werden kann. Legt sich Confessio wie eine Linse oder ein Filter zwischen den Eingang und die Wiedergabe von Informationsgehalten? Kann gar die Rede von einer Informationsblase, einem gemeinsamen Resonanzraum sein und lässt sich diese eindeutig einer Konfession zuordnen? Es gilt, nicht nur das Ausmaß des Einflusses des Konfessionellen auf das Denken aufzuzeigen, sondern auch anhand eines konkreten Beispiels Aussagen zur Durchlässigkeit von Konfessionen zu Beginn der Frühen Neuzeit treffen zu können.

Betreuung: apl. Prof. Dr. Bettina Braun

In der Frühen Neuzeit konfrontierten zahlreiche Herrschaftswechsel die betroffenen Gesell-schaften mit den Herrschaftsansprüchen fremder Dynastien oder Regierungen und unterwarfen sie oftmals tiefgreifenden politischen, sozialen und kulturellen Transformationsprozessen. Während die Frage der Herrschaftsimplementierung bereits wiederholt Gegenstand der Forschung geworden ist, spielt die Frage nach der erinnerungskulturellen Verarbeitung solcher Herrschaftswechsel in frühneuzeitlichen Gesellschaften bislang nur eine untergeordnete Rolle. Diese ist deshalb Gegenstand des Dissertationsprojekts.

Im Zuge der Besetzung der Trois-Évêchés durch Heinrich II. im Jahr 1552 und der Réunionspolitik Ludwigs XIV. in den 1670er und 1680er gelangte  eine Reihe ehemaliger Reichsstädte in Lothringen, dem Elsass und der Franche-Comté unter französische Herrschaft. Am Beispiel von Metz, Straßburg und Besançon wird untersucht, mit welchen Deutungsmustern die jeweiligen Stadtgesellschaften auf die Erfahrung des Verlusts ihrer Autonomie reagierten. Zugleich wird in den Blick genommen, mit welchen Narrativen die französische Monarchie ihre neu erlangte Herrschaft über die Städte geschichtlich zu legitimieren versuchte. Das Projekt verbindet hierbei die Methoden und Ansätze der erinnerungsgeschichtlichen Forschung mit den Ergebnissen der kultur- und kommunikationsgeschichtlich geprägten Forschung zu vormoderner Herrschaft und Staatsbildung, um auf diese Weise einen Beitrag zum Verständnis der Funktionsweise vormoderner Erinnerungsgemeinschaften zu leisten.

Neben der jeweiligen städtischen Geschichtsschreibung und der archivalischen Überlieferung zur Planung und Durchführung öffentlicher Feiern und Zeremonien sind hierbei auch Projektskizzen zur Errichtung von Denkmälern sowie zur Umgestaltung des Stadtraumes unter französischer Herrschaft von Interesse. Um diese Quellenvielfalt für die Analyse der lokalen Erinnerungsdiskurse fruchtbar zu machen, sollen zusätzlich zu den Methoden der Diskurs- und Narrationsanalyse insbesondere auch Ansätze der Zeremonial- und Ritualforschung sowie raumgeschichtliche Fragestellungen Berücksichtigung finden.  

Betreuung: apl. Prof. Dr. Bettina Braun

„Die ersten 20 Jahre meines Lebens entflohen nach dem alten Styl aber das Zeitalter reißt fort […].“ Als Pauline zur Lippe (1769-1820) im Jahr 1818 diese Feststellung machte, konnte sie auf ein Leben zurückblicken, das sich vor dem Hintergrund tiefgreifender politischer Umbrüche und gesellschaftlicher Wandlungsprozesse ereignet hatte. Das Dissertationsprojekt untersucht, inwieweit sich die politischen Umbrüche und die zunehmende Vermännlichung der politischen Sphäre in den Jahrzehnten um 1800 auf die Herrschaft kleinstaatlicher Regentinnen auswirkten. Als Fallbeispiele dienen dabei die Regentschaften Julianes zu Schaumburg-Lippe (Reg. 1787-1799) und Paulines zur Lippe (Reg. 1802-1820). Im Fokus des Erkenntnisinteresses stehen neben der Legitimierung weiblicher Regentschaft um 1800 und deren Repräsentation vor allem die Stellung der Regentin innerhalb der vormundschaftlichen Regierung sowie ihr Regierungshandeln unter den spezifischen Bedingungen des späten Alten Reichs, des Rheinbundes und des frühen Deutschen Bundes. In akteurszentrierter Perspektive untersucht die Arbeit die Regentinnen als Entscheidungsträgerinnen innerhalb ihrer Regierungen und als außenpolitische Akteurinnen. Es wird ermittelt, in welchen Handlungsfeldern sich vormundschaftliche Regentinnen um 1800 betätigten und welche Entscheidungsgewalt sie dabei entfalten konnten. Damit ist das Dissertationsprojekt ein Beitrag zu der Frage, inwieweit sich die gesellschaftliche Stellung und die politischen Handlungsspielräume von Frauen in den als Epochenwende begriffenen Jahrzehnten um 1800 veränderten. Der Fokus auf die Grafschaft Schaumburg-Lippe und das Fürstentum Lippe verspricht zudem einen innovativen Impuls für die Forschungsdiskussion über die sogenannte „Sattelzeit“, in der kleinstaatliche Perspektiven unterrepräsentiert sind.

Betreuung: Prof. Dr. Matthias Schnettger

Die Diplomatiegeschichte der Frühen Neuzeit ist bislang stark auf die einschlägigen Friedenskongresse fokussiert. Stattdessen richtet das Dissertationsprojekt den Blick auf die Funktionsweisen und Praktiken der Diplomatie jenseits solcher verdichteten Ausnahmesituationen. Beispielhaft soll dies am Zusammenwirken der kaiserlichen und reichsständischen Gesandten am Hof Ludwigs XIV. im Zeitraum zwischen dem Frieden von Nimwegen (1679) und dem Ausbruch des Pfälzischen Erbfolgekrieges (1688) untersucht werden.

Die Arbeit ist nicht als Politikgeschichte, sondern im Sinne einer Kulturgeschichte des Politischen angelegt und orientiert sich an Ansätzen der Neuen Diplomatiegeschichte. In einer bewusst akteurszentrierten Perspektive stehen die symbolischen, sozialen und kulturellen Dimensionen diplomatischer Praxis im Mittelpunkt. Argumentiert wird, dass die kaiserlichen und reichsständischen Gesandten am französischen Hof ein „Reich im Kleinen“ bildeten und im Zuge der Konflikte mit Frankreich und dem Osmanischen Reich zwischen 1679 und 1688 zunehmend zusammenrückten.

Betreuer: Prof. Dr. Matthias Schnettger

In der Dissertation  liegt ein zeitlicher Fokus auf dem letzten Drittel des Krieges, insbesondere auf der Zeit der französischen Besatzung (1644-1650). Das zentrale Erkenntnisinteresse der Dissertation ist es, die Handlungsräume des Domkapitels als Corpus, aber auch einzelner Domkapitulare zu untersuchen. Wo und wie konnte das Domkapitel als Herrschaftsträger agieren? Wie weit reichte sein Einflussbereich, wie weit erstreckten sich seine Kommunikationsnetzwerke?  Das Dissertationsprojekt versteht sich somit als ein Beitrag zur Erforschung von Herrschaftsräumen und Raumstrukturen im frühneuzeitlichen Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.

Betreuung: Prof. Dr. Matthias Schnettger

Die Frühe Neuzeit erweist sich aus einer medizinhistorischen Perspektive als besonders dynamische Epoche, in deren Verlauf sich neue Formen heilkundigen Denkens und Handelns entwickelten, die den Kanon antiker Konzepte ergänzten: Vielfältige medizinische Strömungen mit teils unterschiedlichen theoretischen Ansätzen, ein verstärktes Interesse gegenüber anatomischen Studien sowie der Autopsie schlugen sich in medizinischen Diskursen und Praktiken nieder. Zudem lässt sich eine Intensivierung der Prozesse der Medikalisierung, Akademisierung und Professionalisierung konstatieren. Medizinische Fachberufe wurden sukzessive institutionalisiert und an konkrete Richtlinien gebunden. Auch der Blick auf die Kranken veränderte sich, die vermehrt als Patienten wahrgenommen wurden.

Diese Entwicklungen lassen sich nicht zuletzt anhand der weiblichen Heilkunde dokumentieren. So wuchs im 18. Jahrhundert das akademische Interesse gegenüber dem weiblichen Körper. Die ehemals weiblichen Domänen der Frauenheilkunde und der Geburtshilfe rückten verstärkt in den Kompetenzbereich männlicher Experten. Besonders signifikant stellt sich der Wandel vom weiblichen Ritual der Entbindung hin zur vom Arzt bzw. Geburtshelfer angeleiteten Operation dar.

Das Dissertationsprojekt untersucht die Auswirkungen dieser Entwicklungen anhand der Höfe von Wien, Madrid und Neapel im 18. Jahrhundert, insbesondere mit Blick auf die Frauen der herrschenden Dynastien. In diesem Zusammenhang sollen Wissenskulturen, pathologische Erscheinungen und alltägliche Praktiken rund um den Körper der Fürstin akteurszentriert ergründet werden. Es soll untersucht werden, welchen heilkundigen Expertengruppen sich fürstliche Familien anvertrauten und mit welchen Therapiemethoden, Arznei- und Hilfsmitteln diese behandelt wurden. Insbesondere sollen dabei spezifisch weibliche Körpererfahrungen der Fürstinnen – von der Menarche, der Sexualität, der Schwangerschaft, der Entbindung, dem Wochenbett bis hin zur Menopause – und deren Selbstwahrnehmung eruiert werden.

Betreuung: Prof. Dr. Matthias Schnettger

Die Erforschung des Reichshofrats hat in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte zu verzeichnen. Bislang fehlt jedoch eine umfassende Betrachtung des Normsetzungsprozesses am Reichshofrat; eine Leerstelle, zu deren Schließung dieses Projekt einen Beitrag leisten möchte.

Im Mittelpunkt steht der Aushandlungsprozess einer Rechtsnorm am Beispiel der Reform der Reichshofratsordnung von 1654. Ihr vorangegangen waren jahrzehntelange Auseinandersetzungen um die Gestaltung der Reichsjustiz, insbesondere der Stellung der der Gerichtsbarkeit des Kaisers und seines Reichshofrates. Die Publikation der neuen Reichshofratsordnung 1654 führte jedoch nicht zum Ende der Auseinandersetzungen und Kritik am Reichshofrat, denn die Diskrepanz zwischen Normsetzung und -anwendung bestand weiterhin fort. Deshalb sollen Akteure, Zielsetzungen und Abläufe von Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen den Kern der Arbeit bilden. Außerdem wird kritisch untersucht, welche Änderungen (nicht) vorgenommen wurden und welche Bedeutung diesen zukommt.

Betreuung: Prof. Dr. Matthias Schnettger

Landgräfin Karoline von Hessen-Darmstadt (1721–1774), auch bekannt als „die Große Landgräfin“, gilt als eine herausragende Frauenfigur des 18. Jahrhunderts. Die Dissertation untersucht, inwiefern Karoline als Teil des Herrscherpaares mit ihrem Ehemann Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt als Herrscherin selbstständig und aktiv agierte. Denn Karoline wird zumeist eine eigenständige politische und kulturelle Rolle in Darmstadt zugewiesen – jedoch nur im Gegensatz zu ihrem militärisch begeisterten und oft abwesenden Gatten. Die Dissertation ist dabei im Bereich der Frauenforschung angesiedelt.

Die Dissertation soll an konkreten Beispielen aufzeigen, inwiefern ihre Aufgaben als Herrscherin über repräsentative Aufgaben hinausgingen. Folgende Aspekte liegen dabei im Fokus: die Heiratspolitik, die Haushaltspolitik am Hofe sowie ihr Einfluss auf politische Reformen innerhalb der Landgrafschaft.

Betreuung: apl. Prof. Dr. Bettina Braun

Hannes AlteraugeHandlungsräume frühneuzeitlicher Kaiserinnen. Eleonora Gonzaga (1589-1655) und Eleonora Gonzaga-Nevers (1628-1686) [2024 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Sven Dittmar Bistumskumulation im Alten Reich. Das Beispiel des Mainzer Erzbischofs und Bamberger Bischofs Lothar Franz von Schönborn [2024 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Hendrik UlleHandlungsspielräume mittelrheinischer Reichsritter und der Reichsritterschaft im 17. und 18. Jahrhundert [2024 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Matteo Enrico Casati„Nell’interesse dell’Augustissima Casa“. Asburgo, Lombardia austriaca e feudi imperiali nell’età delle riforme (Cotutelle gemeinsam mit Stefano Levati (Mailand) [2022 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Timo Andreas LehnertConfessio – conflictio – conciliatio. Henri de Rohan (1579-1638) und die internationalen Beziehungen in Europa [2021 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Henrike Meyer zu DevernKommunikationsprozesse und Diplomatie in frühneuzeitlichen Friedensverhandlungen. Kurmainz und der Friede von Utrecht [2021 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Ulrich HausmannGefragte Nachbarn oder unliebsame Konkurrenten? Juden und Christen in den SchUM-Städten Speyer, Worms und Mainz 1350-1700 [2020 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Juliane MärkerDie kaiserliche Botschaft in Venedig zur Zeit Maria Theresias (1740-1780) [2019 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Carolin KatzerKonflikt – Konsens – Koexistenz. Konfessionskulturen in Worms im 18. Jahrhundert [2019 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Jan Turinski „ …ein wahrhafftiger / unbetrüglicher Fürsten=Spiegel…“. Leichenpredigten und Trauerzeremoniell der geistlichen Kurfürsten zwischen Westfälischem Frieden und Säkularisation [2018 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Matthias KirchenDie Ambiguität von Religion und Politik. Eine empirisch-systemtheoretische Studie über politisch-religiöse Kommunikation im Kontext des Prager Friedens [2017 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Cathleen SartiMonarchenabsetzungen im frühneuzeitlichen Nordeuropa [2017 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Charlotte BackerraWien und London 1727-1735. Faktoren der internationalen Beziehungen im frühen 18. Jahrhundert [2017 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Lisa KlewitzDie Umsetzung der napoleonischen Sozialgesetzgebung in den Départements rhénans [2014 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Sebastian Becker Dynastische Politik und Legitimationsstrategien der Herzöge von Urbino. Potenziale und Grenzen der della Rovere im 16. und 17. Jahrhundert [2013 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Sascha WeberKatholische Aufklärung? Aufgeklärte Reformpolitik im Mainzer Kurstaat unter Kurfürst Emmerich Joseph (1763-1774) [2012 abgeschlossen]Prof. Dr. Matthias Schnettger
Thomas WellerUngleiche Partner. Die spanische Monarchie und die Hansestädte, ca. 1570-1700 [2022 abgeschlossen]
Lutz KlinkhammerDie Grenzen der Liberté. Die Proklamation revolutionärer Freiheiten und deren Kontrolle im linksrheinischen Deutschland und in Piemont 1794-1813 [2016 abgeschlossen]

Am Arbeitsbereich Neuere Geschichte ist die Mainzer Redaktion des Online-Rezensionsjournals „sehepunkte“ angesiedelt. Sie betreut die Besprechungen von Neuerscheinungen zur frühneuzeitlichen Geschichte.

Die Mitglieder des Arbeitsbereichs Neuere Geschichte sind aktiv an der Forschungsplattform Frühe Neuzeit beteiligt, einem Zusammenschluss von Mainzer Forschenden, die sich dieser Epoche in einem interdisziplinären Zugriff widmen.